Rassismus – Brief an mein Schwarzes Kind

Steh auf gegen Rassismus!

Geliebtes Kind

Der Tag deiner Geburt liegt nun schon einige Jahre zurück, wenn du diesen Brief liest. Als ich dich das erste Mal in den Händen hielt und in deine Augen blickte, war mir eins klar: Du bist perfekt. Du bist mein Wunder. Und ich werde dich mit meinem Leben schützen.

Aber mir war und ist auch etwas anderes klar:

Da draußen gibt es Menschen, die das anders sehen. Die dich als anders betiteln werden.

Als Mutter bin ich eine Löwin und verteidige dich mit allem, was mir gegeben ist und in meiner Macht liegt. Aber es gibt etwas, vor dem ich dich nicht schützen kann und es zerreißt mir mein Herz. Es wird ein Punkt kommen, da bin ich mir leider sicher, an dem ich mich als Mutter als Versagerin fühlen werden.

Weil ich dich nicht vor dem Hass und der Dummheit, der Unwissenheit und der Blindheit der Menschen bewahren konnte und kann. Es wird einen Punkt geben, an dem ich nicht zu dir sagen kann „ Schatz ich weiß wie du dich fühlst.“  Ich werde niemals sagen können, „Das ist mir auch schon einmal passiert und ich erzähle dir jetzt, wie ich mich verhalten habe“.

Es wird Tage geben,

an denen kommst du weinend nach Hause. Oder du möchtest wegen deiner Bauchschmerzen nicht in die Schule. Vielleicht stehst du auch im Badezimmer, deine Haut ist schon ganz rot und wund und trotzdem versuchst du weiter dich „sauber“ zu schrubben, weil jemand zu dir gesagt hat, dass du schmutzig bist.

Du kommst vielleicht nach Hause und fragst mich „Mama, was bedeutet eigentlich das N-Wort?“ (Ich werde das Wort bewusst nicht ausschreiben).

„Mama, wieso sagen die Kinder zu mir dass ich keine Deutsche bin?“

„Ich durfte heute nicht mitspielen. Sie haben gesagt ich wäre eklig und würde stinken. Und dass das typisch ist für jemanden wie mich.“

Vielleicht fragst du dich jetzt, wieso ich gerade diese Sätze aufschreibe?

Kinder sind schließlich manchmal gemein. Aber da du jetzt schon älter bist und einiges an Lebenserfahrungen gesammelt hast, wirst du wissen, warum ich das schreibe. Ich hoffe immer noch, dass dir so etwas nicht passiert ist, aber ich kann es nicht wissen. Und leider ist die Wahrscheinlichkeit gering, wenn nicht gar gleich null.

Du wurdest in eine Welt hineingeboren, in der die Menschen sich mit Toleranz betiteln. Akzeptanz und Individualität werden ganz groß auf die Fahnen geschrieben. In eine Welt, in der es Emanzipation gibt, in der eine gleichgeschlechtliche Ehe scheinbar kein Skandal mehr ist und in der Anders sein vollkommen okay ist.

Aber wieso denn überhaupt anders? Du bist Deutsche und ich schreibe dir hier etwas vom Anders sein. Von der ach so toleranten Gesellschaft und dem so wunderbaren christlichen und demokratischen Allgemeinsinn. Hier ist doch kein Platz für Ungerechtigkeit, kein Platz für

Rassismus.

„Warum beschäftigst du dich als Weiße mit Rassismus? Hier in Deutschland gibt es doch kaum noch Rassismus!“

Wie dumm manche Menschen doch sind, erkenne ich immer wieder. Ich bin eine weiße Frau, das stimmt. Scheinbar ist das alleine schon ein Grund für viele, sich nicht mit Rassismus auseinander zu setzen. Warum auch? Das Leben ist schön, die Blase, der so toleranten Menschheit hüllt die meisten vollkommen in ihre Scheinwelt ein. Dort ist es schön, so soll es bleiben.

Diesen Luxus habe ich nicht. Und noch viel wichtiger, diesen Luxus WILL ICH NICHT. Es geht uns alle etwas an.

Aber es gibt noch einen anderen, den wichtigsten Punkt, weshalb ich mich sehr intensiv mit dem Thema auseinandersetze. Ich bin eine weiße Mutter eines Schwarzen Kindes, DEINE MUTTER.

Ich habe das Bedürfnis mich mit dem Thema zu beschäftigen, damit ich dich unterstützen kann. Damit ich mit dir von klein auf transparent mit diesem Thema umgehen kann und so dazu beitragen kann, dass du dich schützen und Bewältigungsstrategien entwickeln kannst. Das ist meine Aufgabe als Mutter.

Niemand kann sich vor Rassismus schützen, das ist die traurige Wahrheit.

Diese Wahl hat ein Schwarzer Mensch oder People of Colour * nicht. Diese Wahl hast du nicht. Und dass ich niemals wissen und nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt, wie du dich fühlst, wenn du Rassismus ausgesetzt bist, lässt mich wirklich weinen. Es tut weh zu wissen, dass es Situationen geben wird und gibt, in denen du leidest, in denen du verletzt wirst und ich kann nichts dagegen tun.

Wenn zu mir jemand sagt „ Du siehst schmutzig aus und stinkst“ oder „ du dummes Weißbrot“ juckt mich das nicht die Bohne. Selbst wenn es als tatsächliche Beleidigung gemeint sein sollte, verletzt es mich nicht. Warum auch? Es ist 1. Nur eine Beleidigung, und 2. Für mich sind diese Aussagen nicht negativ behaftet.

Ich bin weiß, und auch wenn sich jemand über meine Hautfarbe lustig macht oder mich aufgrund dieser beleidigt, wird mich das niemals so verletzen, wie es dich verletzen wird. Für mich ist das kein Rassismus, wenn man mich beleidigt, weil ich weiß bin. Das hat die Jahrhunderte alte Geschichte des Rassismus bewirkt. Dass sich ein weißer Mensch sicher fühlen kann, durch seine Privilegien, keinem Rassismus ausgesetzt zu werden.

Aber wenn dich, mein Kind, jemand beleidigt, weil du Schwarz bist, ist das rassistisch.

Du wirst von Anfang an damit zu kämpfen haben, dass du anders bist. Die Gesellschaft ist sich zwar einig, dass  Anders sein in Ordnung ist, allerdings heißt das im Umkehrschluss, dass alle, die nicht der Norm entsprechen anders sind. Die Anderen sind also nicht die Norm. Und Schwarz sein gehört ganz offensichtlich immer noch nicht zur Norm. Und dass ich das überhaupt schreiben muss, finde ich traurig, beschämend und es macht mich wütend.

Es macht mich wütend, dass du immer als anders angesehen wirst. DU bist hier in Deutschland geboren, deine Muttersprache ist deutsch, du gehst hier zur Schule und  weil du Schwarz bist, werden die Menschen dich immer für nicht deutsch halten. Sie fragen wo du herkommst, wo denn deine Eltern herkommen.

Ich erinnere mich an eine Situation, die dir im Kleinkindalter passiert ist.

Du wurdest gefragt, wo dein Vater herkommt. Deine Antwort war Hamburg. Aber das hat nicht gereicht. Du wurdest nochmal gefragt: „Nein, wo kommt dein Vater denn wirklich her?“.

Warum musst du dich als 3 jähriges Kind dafür rechtfertigen. Es wird nicht akzeptiert, dass dein Vater aus Hamburg kommt. Er muss doch irgendwo anders herkommen, du bist schließlich Schwarz. Wie du weißt, ist dein Vater nicht in Deutschland aufgewachsen. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass du dann noch einmal gefragt wurdest, wo dein Vater denn wirklich her kommt. Weißt du was du geantwortet hast?

„Ich weiß nicht.“ Die Person, die dich das gefragt hat, hatte ganz offensichtlich keine bösen Absichten, das habe ich gemerkt. Mir gegenüber sagte diese Person: „ Ich hab sie gefragt wo ihr Vater denn wirklich herkommt und sie weiß es nicht. Wo kommt ihr Vater denn nun her?“

Wie soll ein 3 jähriges Kind das auch verstehen?

Papa wohnt in Hamburg wie ich, was soll ich denn anderes sagen?  Dass noch nachgebohrt wurde, muss für dich unangenehm gewesen sein, da du nicht verstanden hast, was die Person von dir wollte. Du hast nicht verstanden warum deine Antwort die du zuerst gegeben hast falsch war.

Durch solches Verhalten wird dir, dem 3 jährigen Kind vermittelt, dass du auf die Frage falsch geantwortet hast.

Das war rassistisch.

Auch wenn manch einer denken würde „ Wieso soll das rassistisch sein, sie wurde doch nur gefragt, wo ihr Vater her kommt.“

Diese Frage, die dir gestellt wurde, impliziert, dass davon ausgegangen wird, dass dein Vater kein Deutscher ist.  Er muss definitiv woanders herkommen als aus Deutschland, weil er und auch du, weil ihr beide Schwarz seid.

Heutzutage würden die meisten Menschen sagen, dass es undenkbar ist, dass Rassismus noch so präsent in unserer Gesellschaft verankert ist. Sie würden sagen, dass sie selber nicht rassistisch sind und dass du dich nicht so anstellen sollst, du würdest auf bestimmte Aussagen zu sensibel reagieren.

Ich kann nicht sagen, wie es sich anfühlt Opfer von Rassismus zu sein. Ich kann auch nicht wissen wie du dich fühlst, aber ich kann dir eins sagen:

1. Du stellst dich nicht an
2. Du reagierst nicht sensibel
3. Du hast das Recht, so zu reagieren.
4. Du hast das Recht zu hinterfragen!

Zu hinterfragen, warum immer mehr von dir erwartet wird, als von anderen, weißen Gleichaltrigen. Liegt wahrscheinlich mit daran, dass du von klein auf immer älter aussahst, als du eigentlich warst und bist. Es ist einfach auch so, dass Schwarze Kinder oft älter wirken, als sie sind.

Es ist legitim, dass du hinterfragst, warum dich Menschen nach deinem Schulabschluss fragen und überrascht reagieren, wenn du sagst, dass du studierst, dass du ein Abitur hast. Das haben in der Vorstellung vieler weißer Menschen Schwarze Menschen nicht. Absolut dumm und unverständlich. Die Schwarzen Menschen die ich kenne sind alle sehr intelligent und klug. Genauso wie du mein Kind.

Du hast das Recht zu hinterfragen,

wieso du trotz Bestnoten das Stipendium nicht bekommst. Wieso du trotz Bestnoten einen Ausbildungsplatz nicht bekommst, oder wieso du trotz Abschluss des Studiums als Jahrgangs-Beste einen Job nicht bekommst, sondern jemand mit weitaus geringeren Qualifikationen. Diese Person ist weiß.

Zum Abschluss, du hast ebenfalls das Recht wütend zu sein. Wütend darauf, dass Menschen dich unterschätzen und unterschätzt haben. Dass dich Menschen herabgestuft und nicht ernst genommen haben oder jetzt  nicht ernst nehmen. Deine Qualifikationen und deine Talente nicht anerkennen und NICHT SEHEN WOLLEN, weil du Schwarz bist.

Dieses Recht steht dir zu!

Denn du bist ein Mensch. Auch wenn du aufgrund von deiner Schwarzen Hautfarbe als anders betitelt wirst, bist du es nicht. Alle Menschen sind gleich. Egal welche Hautfarbe ein Mensch hat. Der Mensch, die Seele, der Charakter und die Identität werden nicht durch die Hautfarbe bestimmt, der Mensch als Mensch ist gleich.

Das System und die Gesellschaft lassen dich als anders erscheinen, weil sie über Jahrhunderte hinweg den Begriff Rassismus geprägt haben und es zugelassen haben, dass Rassismus ein Teil des Systems wurde. Rassismus ist Teil der Gesellschaft und auch in institutionellen Systemen fest verankert, und jeder, der dir sagt, dass es nicht stimmt, der lügt. Oder diese Person ist blind oder einfach nur dumm.

Deshalb sage ich dir, mein geliebtes Kind: Wissen ist Macht.

Und auch wenn ich dich nicht vor Rassismus schützen konnte und auch in Zukunft nicht schützen kann, kann ich folgendes tun:

Ich kann dir das Wissen vermitteln, geben und  zugänglich machen.

Das Wissen, dass du von Herzen bedingungslos geliebt wirst und sich das durch nichts und niemanden jemals ändern wird. Von Anfang an bist du in dem Wissen aufgewachsen, wie viel wert du als Person, als Mensch bist, ganz egal, was andere Menschen sagen.

Du wirst, wie du jetzt sicherlich selber merkst, eine selbstbewusste und starke Frau werden, die weiß wer sie ist und was sie kann. Die eine innere Stärke entwickelt hat um in dieser rassistischen Welt zu bestehen und sich zu behaupten. Denn du bist schon jetzt sehr selbstbewusst und stark (Du bist 3 Jahre alt, als ich diesen Brief schreibe).

Ich werde immer dafür Sorge tragen, dass du weißt, wer du bist und deine Identität nur durch dich alleine bestimmt wird. Niemand kann daran etwas ändern oder dir diese nehmen. Wenn dich jemand beschimpft und beleidigt, weißt du trotzdem innerlich, dass diese Menschen dumm und unwissend sind. Das nimmt dir in keiner Weise den Schmerz oder ändert etwas daran, dass du verletzt wirst, aber es lässt dich trotzdem stärker sein, als dein Gegenüber.

Du wirst von Anfang an von mir das Wissen vermittelt bekommen, dass du brauchst, um Rassismus zu erkennen.

Um rassistische Äußerungen zu erkennen, damit du aus der Situation raus gehen kannst. Damit du dich mir oder auch einer anderen Vertrauensperson mitteilen kannst und nicht alleine mit Schmerz, Verzweiflung und Wut kämpfen musst. Damit du dich selbst ein Stück weit schützen kannst, weil du darüber reden kannst. Du kannst Rassismus benennen.

Ich werde immer gemeinsam mit dir zusammen Bewältigungsstrategien finden und erarbeiten. Ich stehe an deiner Seite, als deine Mutter, als deine Freundin, deine Vertraute und deine Beschützerin, deine Unterstützerin und als deine Mutmacherin.  Als deine Mutter verspreche ich dir eins: Ich werde niemals die Augen verschließen und ich werde niemals weg schauen.

Wahrscheinlich merkst du beim Lesen, dass mir dieses Thema wirklich nahe geht.

Denn ich hatte und habe immer Angst zu versagen, da ich nicht direkt mitfühlen kann und dennoch so unendlich leide und leiden werde, wenn du Rassismus ausgesetzt bist und warst.

Es tröstet mich jedoch, dass du deinen Vater haben wirst, der dich versteht. Der weiß, was du in solchen Situationen fühlst und wie es dir geht. Einen Vater der immer für dich da sein wird und dich liebt, und dir den Rücken stärken wird und deinen Schmerz und deine Wut mit dir teilen kann. Da bin ich mir sicher. Er wird deine Hand halten und dir Kraft geben.

Und er wird dafür sorgen, dass du deine Wurzeln kennst und trotz allem nicht verleugnen wirst, sondern stolz darauf sein wirst. Deine ghanaischen Wurzeln. Das ist wichtig. Es gehört zu dir, ist ein Teil von dir. Das kann nur er dir mitgeben und dir den Zugang ermöglichen. Das kann ich nicht und umso schöner ist es zu sehen, wie sehr dich dein Vater liebt.

Du wirst niemals alleine sein.

Du hast eine wundervolle ebenfalls Schwarze Cousine, mit der du deine Erfahrungen teilen und verarbeiten kannst. Deine Cousine und du seid schon immer ein Dream Team gewesen und ich bin mir sicher, dass es auch jetzt noch so ist. Ihr werdet euch gegenseitig unterstützen, und könnt euch Mut und Kraft geben, wenn einer von euch verzweifelt oder am Boden liegt. Ihr werdet euch gegenseitig wieder hoch helfen und euch fest halten. Denn ihr seid eine Familie. Ihr seid nicht alleine Schwarz in einer weißen Familie. Ihr habt beide Schwarze Familienmitglieder immer um euch.

Aber was du auch merken wirst, wenn du diese Zeilen liest ist, dass du stark bist. Dass du stolz auf dich sein kannst. Du bist nicht nur Schwarz. Nein mein Kind, du bist ein ganz fantastischer Schwarzer Mensch mit einer wundervollen Persönlichkeit und einer solchen Lebensfreude und Positivität, dass ich als Mutter das größte Wunder und Glück empfinde, die größtmögliche Liebe, die eine Mutter empfinden kann. Und diese Liebe kennt keinen Unterschied zwischen Schwarz und weiß.

Deine dich liebende Mutter

Fortsetzung zum Thema Rassismus folgt in: „Rassist – hier ist ein Brief für dich“

* Begriffübernahme „People of Colour“ aus: Tupoka Ogette (2018), exit Rasicm: rassismuskritisch denken lernen , Unrast Verlag

Den Beitrag “ Stand up and speak up for our children – Part I“ findet ihr hier : https://alleinerziehend-kann-ich.de/stand-up-and-speak-up-for-our-children-part-1/

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One thought on “Rassismus – Brief an mein Schwarzes Kind

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