Rassist – hier ist ein Brief an dich

Hi Rassist,

Hast Du schon mal einen Brief an jemanden geschrieben, den Du richtig scheiße findest?! Nein? Gut, ich auch nicht. Aber ich versuche mal mein Glück, denn bekanntlich macht ein Versuch klug oder wie siehst Du das Rassist?

Ich schreibe diesen Brief und ehrlich gesagt habe ich aber  keinen blassen Schimmer wo oder wie ich anfangen soll.

Da ich so voller Emotionen bin, Wut, Unverständnis aber auch Mitleid, ist es wirklich schwierig die passende und angemessene Wortwahl zu finden. Ich möchte Dir gerne etwas mitteilen, was mir als weiße Mutter eines Schwarzen Kindes sehr am Herzen liegt. Bekanntlich neigt man und auch ich allerdings dazu, emotionsgeladen übereilt Dinge zu sagen oder zu schreiben, die man später bereut. Ich werde nicht sagen, dass ich mich diplomatisch ausdrücken werde, denn das kann ich nicht. Aber ich möchte gerne ein paar meiner Gedanken mit Dir teilen.

Zu allererst möchte ich Folgendes zu Dir sagen:

Ich hasse Dich nicht.

Dass ich als weiße Mutter eines Schwarzen Kindes so etwas zu einem rassistischen Menschen sage klingt unglaubwürdig. Ist es aber nicht, und das werde ich Dir auch erklären.

Du bist ein Mensch wie jeder andere auch. Du hast eine Meinung und Ansichten, andere als ich und ich werde Deine auch niemals verstehen oder gut heißen können. Ganz im Gegenteil, ich verachte Deine rassistischen Ansichten und Kundgebungen. Dass ich ein Gedankengut verachte und zutiefst verwerflich finde, führt jedoch nicht dazu, jemanden zu hassen.

Jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Meinung, das ist wahr.

Allerdings ist es ein Unterschied ob ich leise, für mich selbst diese Meinung habe und vertrete. Oder ob ich meine Meinung laut herausschreie und damit andere Menschen verletze, demütige, diskriminiere. Sie physisch und psychisch aus ihrer Unversehrtheit reiße. Sie womöglich ermorde. Oder sie durch meine Taten in den Selbstmord treibe.

Das, Rassist, das kann ich nicht akzeptieren und will ich auch nicht akzeptieren. Mal davon abgesehen, dass es mir unbegreiflich ist. Denn Deine Ansichten, Taten und Absichten beeinflussen das Leben meines Kindes und so vieler anderer Menschen. Aber auch das ist kein Grund Dich zu hassen.

Hass ist eine Emotion die in meinem Herzen nur wenig wenn gar keinen Platz hat. Hass führt dazu, den Sinn des Lebens aus den Augen zu verlieren. Es macht die Menschen krank, egoistisch und blind. Hass führt zu Gewalt und Angst, Trauer und Schmerz. All dies möchte ich nicht in meinem Herzen tragen und auch nicht in meinem Leben wissen. Hass vergiftet Dich und auch Dein Leben. Ich kann nur einen Menschen hassen, den ich liebe, der mir etwas bedeutet. Und auch dann hasse ich eher die Taten und nicht den Mensch selbst.

DU BEDEUTEST MIR NICHTS.

Deshalb fühle ich etwas anderes, wenn ich über Dich nachdenke. Ich spüre Wut und Mitleid.

Du machst mich so unglaublich wütend, das glaubst Du gar nicht. Durch Dich muss mein Schwarzes Kind Energie aufwenden. Energie, die es irgendwann müde und ausgelaugt machen wird. Jeden gottverdammten Tag Energie dafür zu verschwenden sich beweisen zu müssen. Beweisen zu müssen, dass das Leben eines Schwarzen Menschen genauso viel wert ist wie das eines weißen. Sich jeden Tag in einer Welt beweisen und behaupten zu müssen, in der Schwarze Menschen herabgewürdigt werden. In einer Welt, in der die Schwarze Haut ein Todesurteil sein kann. In der Schwarzen Haut kann mein Kind nicht unbekümmert das Leben genießen, und es hat nicht die Wahl, ob es sich mit Deiner beschissenen Meinung und mit der allgemeinen Rassismus Problematik der Welt auseinandersetzen will.

Es raubt Energie ständig dafür zu kämpfen als  normal angesehen zu werden.

Und zeigen zu müssen, dass die Schwarze Hautfarbe nichts Schlechtes ist. Es zermürbt ständig misstrauisch angeglotzt zu werden, gefragt zu werden was denn das Heimatland ist und welche Sprache die Muttersprache ist. Auch wenn dieser Kampf und Energieverlust oftmals unbewusst stattfindet, es passiert. Es ist real. Diese Last trägt jeder Schwarze Mensch, jeder BPoC* mit sich herum, wie einen festgeschnallten Rucksack den du nicht ablegen kannst. Er begleitet dich dein ganzes Leben.   

Du, Rassist, hast nicht das Recht meinem Kind diese Energie zu rauben. Und Du hast auch nicht das Recht anderen Menschen diese Energie zu nehmen.

Mein Kind ist deutsch.

Auch wenn es Wurzeln hat, die in einem anderen Land ihren Ursprung haben ändert es nichts an der Tatsache dass mein Kind deutsch ist. Weder Du noch ich werden daran etwas ändern.  Und selbst wenn es nicht deutsch wäre, es gibt Dir nicht das Recht über das Leben anderer zu bestimmen.

Ich frag mich was Dich zu Deinem Hass getrieben hat. Erziehung? Freunde? Familiäres Umfeld? Oder bist Du so unzufrieden mit Deinem Leben, dass Du diese Unzufriedenheit auf andere Menschen projizieren musst?

Hast du mal darüber nachgedacht, was Du zu jemandem sagen würdest, der Dein Kind beleidigt und verletzt?

Was würdest Du tun, wenn Dein Kind weinend nach Hause kommt, weil es in der Schule jeden Tag gemobbt wird? Wenn Dein Kind mit blauen Flecken nach Hause kommt, weil andere es geschubst und geschlagen haben. Auf Deine Frage, warum das passiert ist antwortet Dein Kind, weil es anders aussieht als die Anderen. Überleg Dir mal, was würdest Du tun, wenn andere Menschen einen so großen Hass auf Dein Kind haben, dass Dein Kind sich gar nicht mehr alleine raus traut oder sich nicht mehr traut in bestimmte Ecken der Stadt zu gehen?  Weil es Angst haben muss, dass es dort angegriffen wird? Wenn sich dein Kind in seinem oder ihrem Zimmer einschließt und nicht mehr rauskommen will, weil manche Menschen so grausam sind. Würdest Du als Vater oder Mutter einfach alles tolerieren und weg schauen? Sag mir, was genau würdest DU zu einem Menschen sagen, der DEIN Kind verletzt?

Hast Du die Antwort gerade in deinem Kopf?  

Sehr gut, dann sieh hin, hör es und sag es am besten einmal laut, damit DU die Botschaft verstehst: Was sagst Du zu der Person die Dein Kind verletzt? Die Dein Kind traurig macht. Die Dir selber das Herz zerreißt, weil DU mit ansehen musst, wie Dein Kind leidet?

Herzlichen Glückwunsch Rassist, wenn Du es tatsächlich gerade vor Augen hattest, weißt du jetzt, was alle Eltern von den Kindern denken, die Du mit deiner ekelhaften Intoleranz verletzt und angreifst.

Was die Schwester vom Bruder denkt und fühlt, der von Rassisten zusammengeschlagen wurde. Der blutend und erniedrigt nach Hause kommt und kein Wort darüber spricht, was ihm gerade auf der Straße passiert ist. Weil er Schwarz ist.

Was der Bruder fühlt, der Erleben muss, wie seine kleine Schwester zu Boden gerissen wird, schreiend vor Angst und Verzweiflung  vor den Rassisten. Im Wissen, dass sie sie jetzt verletzten  und vergewaltigen, während sie auf sie spucken, sie beleidigen und auf ihr Gesicht urinieren. Und ihr Bruder ist machtlos. Denn er kann ihr nicht helfen, er ist nicht da. Er ist eingeschlossen in seinem Zimmer und versucht selber zu verarbeiten, was ihm auf der Straße passiert ist.

Alles weil sie beide Schwarz sind.

Welchen Schmerz die Schwarze Oma fühlt, wenn sie sieht, dass ihre Enkel von Rassisten beleidigt und beschimpft werden. Sie fragt sich, wieso ihre Enkel das durchmachen müssen. Alles was sie selbst erlebt hat. Und dabei hatte sie die Hoffnung, dass die Welt besser wird. Dass die Menschen menschlicher werden. Wo doch Zukunft Fortschritt bedeuten soll.

Wie ohnmächtig sich die Eltern fühlen, gegenüber dieser Übermacht „Rassismus“, der sie entgegen treten um ihre Schwarzen Kinder zu schützen, und doch können sie es nicht. Machtlosigkeit ist etwas, was die Seele der Eltern zerstören kann. Es gibt nichts Schlimmeres als wenn du als Mutter oder Vater dein Kind nicht beschützen kannst. Wenn du in der schlimmsten Situation ihres Lebens nicht da bis oder dies nicht verhindern kannst. Es zerreißt dich, macht dich fassungslos und wütend. Und doch, wie sollst du es verhindern?

Was die Schwarze Ehefrau fühlt, die schluchzend neben ihrem toten Ehemann kniet. Ihm immer wieder mit den Fäusten auf die Brust trommelt und ihn anschreit er solle atmen. „ ATME!“ Sie kann nicht begreifen, was gerade passiert ist. Ihr Mann, der Vater ihrer drei Kinder liegt hier vor ihr und kann nicht atmen. Er ist tot. Getötet beim Joggen, beim Einkaufen, beim Spazieren gehen, beim „zur falschen Zeit am falschen Ort sein“. Sie schreit sich den ganzen Kummer aus der Seele und doch kann sie nicht Atmen,

wegen DIR. Wegen EUCH.

Was die Kinder fühlen. „Deine Eltern sind tot, sie werden nicht mehr wieder kommen“. „Wieso sind meine Eltern tot, sie wollten doch nur eben was zu essen eine Straße weiter kaufen?“ Kinderseelen die solch einen Schmerz und Kummer ertragen müssen. Urplötzlich vollkommen aus ihrem Leben gerissen. Weil sie Schwarz sind.  

Das alles fühlst Du gerade. Denkst du das wirklich Rassist? Glaubst du wirklich auch nur einen Augenblick, eine Sekunde, dass du das Fühlen und das Gleiche denken könntest?

Nein, Rassist, das kannst du nicht. Und genau das ist die Ungerechtigkeit. Vielleicht kannst du den Schmerz vom Verlust eines geliebten Menschen nachempfinden. Aber alles andere, wirst du niemals spüren und empfinden können. Du wirst niemals wissen, was Du anderen Menschen antust. Ansonsten würdest Du sofort aufhören mit dem, was Du tust. Und es ist traurig. Traurig, dass du es nicht fühlen kannst, damit du begreifst, dass Du aufhören musst.

Das waren nur ein paar Beispiele, krasse Beispiele was auch manchmal in den Zeitungen steht. Aber was ist mit den Alltagsrassismen, mit jedem Schwarzen Menschen der täglich Rassismus ausgesetzt wird?

Was wird mein Kind für eine Kindheit, für ein Leben haben,Rassist? Muss ich jedes Mal Angst haben, wenn sie alleine mit dem Fahrrad zur Schule fährt? Kann ich sie frei und unbedenklich auf dem Spielplatz in der Nachbarschaft mit ihren Freunden spielen lassen, ohne dass ich dabei sitze? Kann ich ihr mit frohem Herzen hinterher gucken, während sie freudestrahlend los flitzt, ohne Angst haben zu müssen, dass sie direkt in deine Arme läuft? Sag mir Rassist, wie soll ich als Mutter weg schauen. Ignorieren und tolerieren was mir selber so viel Angst macht und ich von meinem Kind fern halten möchte.

Du denkst jetzt, Du hast das Recht dazu, weil Du weiß und deutsch bist, weil du ein Rassist bist?

Es ist mir peinlich. Peinlich, dass ich sagen muss, dass Du mein „Landsmann“ bist. Mit jemandem wie Dir möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden.  Kein Mensch wird mit Hass geboren und ich frage mich wirklich sehr oft, was passieren muss, damit jemand wie Du so wird, wie Du nun mal bist.

Und deshalb tust Du mir leid. Du tust mir leid, Rassist, weil Du scheinbar niemals erfahren hast, was es heißt selbstlos zu lieben. Was es heißt Respekt vor anderem Leben zu haben und Toleranz zu zeigen. Was es heißt menschlich zu sein. Empathie zu besitzen.

Wo ist bitte Dein Stolz?

Ich rede nicht von Imponiergehabe und dem „ angeblichen Stolz“. Ich rede von dem angeborenen Stolz des Menschen und der eigenen Ehre. Ein ehrhafter stolzer Mensch könnte es nicht mit seinem Stolz vereinbaren Menschen oder Menschen, die sich nicht wehren können, mit einer Übermacht anzugreifen oder zu beleidigen und zu verletzen.

Aber Du tust genau das Rassist. In Gruppen. Bewaffnet. Immer in der Übermacht. Das ist nicht mutig und das ist auch nicht das Verhalten eines stolzen Menschen.  Es ist armselig. Es ist feige.

Na bist Du wütend? So richtig angepisst von dem, was Du hier liest, weil Du in deinem eigenen Recht schon förmlich zerfließt? Schön, dann befinden wir uns jetzt annähernd in einer ähnlichen Gefühlslage. Auch wenn Du bei Weitem noch nicht das Maß an Wut erreicht hast, auf dem mein Wutbarometer sich befindet.

Ich weiß, dass ich mit diesem Brief bei Dir wahrscheinlich nichts bewirken kann, außer dass Du mich jetzt wahrscheinlich total scheiße findest. Es ist sogar sehr realistisch, dass Du diesen Brief niemals lesen wirst, aber auch das macht nichts. Denn andere lesen es.

Aber ich appelliere trotzdem an Deinen Verstand:

Ich darf meine Meinung haben und auch vertreten, das ist mein Recht. Und es ist mein Recht das zu tun, ohne dass Du oder Ihr mich dafür verurteilt. Du darfst ja schließlich auch Deine eigene Meinung überall ungefragt äußern oder?

Und weißt Du, was ich besonders traurig an der ganzen Sache finde? Dass ich mich in diesem Zuge fragen muss, ob es negative Auswirkungen auf mich und das Leben meines Schwarzen Kindes hat, wenn ich öffentlich meine Meinung sage.

Muss ich jetzt Angst vor Dir haben Rassist? Was ist wichtiger und wovor habe ich mehr Angst?

Vor Dir oder vor dem Schmerz meines Kindes? Es ist einfach zu schweigen und sich in der eigenen Komfortzone geborgen und sicher zu fühlen, keine Frage. Seine Meinung offen zu sagen und zu vertreten, zu handeln, das erfordert Mut.

Menschen die mutig sind und die öffentlich für ihre Meinung und ihre Rechte und die Rechte der Anderen  einstehen, haben  immer mehr Nachteile als die, die Schweigen und sich nicht trauen. Diese Menschen müssen immer damit rechnen auf Widerstand und Gegenwind zu stoßen, das bleibt nicht aus.

Doch was wäre ich für eine Mutter, wenn ich diesen Mut nicht für mein eigenes Kind aufbringen würde? Was würde mein Kind von mir halten und später zu mir sagen? Ich möchte nicht, dass mein Kind mich später fragt, wieso ich zugesehen habe ohne zu Sehen. Wieso ich gehandelt habe, ohne wirklich zu Handeln. Wieso ich nicht für sie gekämpft habe. Nichts getan habe, gegen Dich, Rassist. Nicht mit Hass, denn Hass lässt sich nicht mit Hass bekämpfen.

Nein! Das kann und will ich nicht. Ob ich Angst habe? Ja, ich habe Angst. Ich wäre kein Mensch, wenn ich das hier alles ohne Unbehagen veröffentlichen könnte. Frei zugänglich für jeden – für Dich Rassist. Aber diese Angst nehme ich in kauf, denn ich bin mutig und ich möchte stark sein.

Für mein Kind.

Für alle anderen Kinder. Eltern, die nicht diese Stärke oder zu viel Angst haben. Für Schwestern, Brüder, Söhne und Töchter, Freunde und Familie.

Denn ich habe mir geschworen nicht die Augen zu verschließen. Ich schaue hin und ich sehe es. Ich sehe Dich, Rassist.

Und ich will, dass sich etwas ändert. Ich wünsch mir, dass mein Schwarzes Kind die Chance hat auf ein Leben mit weniger Rassismus. Mit weniger verschwendeter Energie. Weniger Hass. Mit mehr Selbstbestimmung und mit mehr Stolz für ihre Schwarze Hautfarbe, ohne Angst davor haben zu müssen.

Deshalb bin ich laut, für mein Kind!

Weil ich, Rassist, im Gegensatz zu Dir nicht hasse sondern bedingungslos liebe. Und Diese Liebe kann auch Dein Hass nicht zerstören. Diese Liebe wird hoffentlich eines Tages mehr Menschen dazu bewegen laut zu werden. Und damit den Rassismus in der Welt bezwingen. Damit Schwarze Menschen wieder atmen können. Leben können.

Jetzt möchte ich nur noch eins sagen Rassist, wenn Du bis hierhin gelesen hast: Danke. Auch wenn du alles scheiße findest, was Du hier gelesen hast. Dein Unterbewusstsein wird irgendetwas aus diesem Brief mitnehmen, hoffentlich einen Teil der Menschlichkeit, den Du verloren hast. Es wäre ein Anfang.

Eine liebende Mutter

  • Begriffübernahme: BPoC aus: Tupoka Ogette (2018), exit Rasicm: rassismuskritisch denken lernen , Unrast Verlag
Erster Teil zum Thema Rassismus ist hier zu finden:
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